Hallo Aurelia, du kommst aus der klassischen Musik, dort fühlst du dich zu Hause. Eine klare Technik, Struktur und Ausdruck prägen deinen Zugang zum Singen. In der Talentschule bist du nun mit Popsongs konfrontiert worden. Ein Stil, der andere Dimensionen fordert und neue Seiten von dir verlangt.
Wie reagieren deine klassischen Lehrpersonen oder Chorleitungen auf diese Kombination?
Ich bin mir nicht ganz sicher, wie bewusst sich meine klassische Stimmbildnerin ist, dass wir in der Talentschule vor allem Pop-Lieder singen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in der Musik verschiedene Stilrichtungen die Musiker/-innen oft stark trennen können. Beide Seiten halten nicht viel voneinander, und die gegenseitige Begeisterung ist leider oft gering. Das finde ich sehr schade.
Was lernst du im klassischen Gesang, das dir im Pop hilft? Und was nimmst du aus dem Pop direkt für den klassischen Gesang mit?
Die Atemtechnik, die ich während der klassischen Stimmbildung über mehrere Monate geübt habe, kann ich auch in der Popmusik anwenden. Umgekehrt kann ich die Lockerheit und die Verbindung mit Bewegung teilweise auch in die klassische Musik einfliessen lassen.
Was gefällt dir aktuell an der Kombination aus klassischem Gesang und Pop am meisten?
Um ehrlich zu sein, fühle ich mich im klassischen Gesang noch immer wohler. Vor allem kann ich dort meine Gefühle besser ausdrücken, fühle mich zu Hause und sicherer. Damit ich flexibel bleibe, ist die Abwechslung mit der Popmusik jedoch bestimmt spannend.
Wie verändert sich deine Stimme, wenn du zwischen den Stilrichtungen wechselst?
Grundsätzlich öffne ich bei beiden Musikrichtungen den Mund gleich stark, obwohl ich das beim Pop-Gesang wahrscheinlich weniger machen müsste.
Weil ich in der klassischen Musik kein Mikrofon habe, muss ich dort mehr Volumen geben als beim Pop-Gesang mit Mikrofon. In der Popmusik wird in der Regel vor allem die Bruststimme eingesetzt, während in der klassischen Musik die Bruststimme nur bei sehr tiefen Tönen verwendet wird. Alles, was möglich ist, wird dort in der Kopfstimme gesungen.
Bereitest du dich unterschiedlich auf einen klassischen Auftritt oder einen Pop-Auftritt vor?
In der klassischen Musik wird das Stück in der Regel streng nach den Noten eingeübt. Jeder Ton muss perfekt sitzen und auch die Klangfarbe muss stimmen.
In der Popmusik übe ich meist ohne Noten, vor allem nach Gehör und eventuell mit einem Textblatt. Mir scheint, dass in der Popmusik die Genauigkeit weniger wichtig ist und Flexibilität sowie Spontanität einen viel grösseren Stellenwert haben.
Vor einem klassischen Auftritt singe ich mich mindestens eine halbe Stunde ein, während dies bei Pop-Auftritten nicht üblich ist.
Wo merkst du konkret, dass dir die Kombination neue Möglichkeiten eröffnet?
Durch die Kombination kann ich in verschiedenen musikalischen Situationen flexibel reagieren. Dadurch kann ich mit unterschiedlichen Musikerinnen und Musikern zusammenarbeiten.
Wo merkst du, dass sich die beiden Stilrichtungen auch widersprechen?
Traditionell werden in der klassischen Musik andere Instrumente eingesetzt, wie zum Beispiel ein Orchester, eine Orgel oder ein Flügel. Meistens gibt es eine Dirigentin oder einen Dirigenten, der alle Mitwirkenden leitet. Die Haltung beim Singen ist aufrecht und mit wenig Bewegung verbunden. Ein Mikrofon wird nicht verwendet. Auch der Aufführungsort ist entsprechend gewählt, etwa eine Kirche oder ein Opernhaus, wo die Akustik die Töne gut trägt. Das Publikum sitzt in der Regel still und tanzt nicht mit. Auch die Verbeugung am Schluss unterscheidet sich.
Wie oben bereits erwähnt, wird im klassischen Gesang, wann immer möglich die Kopfstimme eingesetzt. Weiterhin können fast alle klassischen Musiker die Noten lesen.
Welche Rolle denkst du wird Pop zukünftig in deinem musikalischen Leben spielen?
Mein Ziel ist es, klassische Musik zu studieren. Deshalb werde ich mich in diesem Fachgebiet vertiefen. Dennoch wird es immer wieder Situationen geben, in denen ich die Popmusik einsetzen kann.
Wo siehst du Chancen für deine Entwicklung, wenn du beide Welten weiter verbindest?
Mit dieser Kombination bin ich breit aufgestellt und kann mich je nach Anforderungen ohne grosse Schwierigkeiten anpassen.
Vielen Dank für das Gespräch Aurelia, und insbesondere vielen Dank für die vielen tollen Musikmomente, welche du uns an der Talentschule geschenkt hast. Es war uns eine grosse Freude, ein Teil deines Weges sein zu dürfen.